Schlüsselkonzepte der Geistes- und Sozialwissenschaften - Lektürekurs

Nachdenken über Pandemie – Einführung in die Theorien und Konzepte der Global Studies

Dienstag, 13.10.2020 - Dienstag, 08.12.2020

Die Lektürekurse zu ausgewählten Schlüsselkonzepten in den Geistes- und Sozialwissenschaften finden im Rahmen des Pflichtbereichs des Doktoratsprogramms Global Studies statt. Er versteht sich als ein Peer-to-Peer Workshop, in dem die Teilnehmenden ihre Lektürevorschläge einbringen und diskutieren können.

Veranstaltende: Global Studies | Graduate School of the Arts and Humanities | Walter Benjamin Kolleg
Redner, Rednerin: Prof. Dr. Andrea Rota, Prof. Dr. Jens Schlieter, Prof. Dr. Thomas Späth
Datum: 13.10.2020 - 08.12.2020
Uhrzeit: 12:30 - 15:00 Uhr
Ort: Raum 002 und Raum B 007 (siehe weiter unten)
vonRoll
Fabrikstrasse 2e / 8 (17.11.20)
3012 Bern
Merkmale: Öffentlich
kostenlos

Dozierende:

Prof. Dr. Andrea Rota, Institut für Religionswissenschaft
Prof. Dr. Jens Schlieter, Institut für Religionswissenschaft
Prof. Dr. Thomas Späth, Historisches Institut

Daten: 13. Oktober, 27. Oktober, 17. November, 8. Dezember, jeweils 12:30 – 15.00 Uhr
Ort: 13.10, 27.10, 8.12, Raum 002, Seminargebäude vonRoll, Fabrikstrasse 2e
Ort: 17.11, Raum B 007, Institutsgebäude vonRoll, Fabrikstrasse 8
ECTS: 2

Inhalt

Wir schlagen im Lektüreseminar eine gemeinsame Reflexion über die gesellschaftlichen und kulturellen Bedeutungen der Corona-Pandemie vor, jenseits der Aktualität von Fallzahlen und Sicherheitskonzepten: Für die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit der Globalisierungsprozesse ist die Pandemie ein Vergrösserungsglas der Wahrnehmung – sie lässt mit den Wegen und der Geschwindigkeit der Verbreitung des Virus die globalen Austauschbeziehungen erkennen, mit den wirtschaftlichen Konsequenzen die weltweite Arbeitsteilung sowie die reziproken und multilateralen Abhängigkeiten. Die politischen Reaktionen auf die Seuche werfen zahlreiche Fragen auf: Abrupt werden Landesgrenzen als Trennung nationaler Einheiten reaktiviert, die Staaten konstituieren sich, entgegen der transnationalen Verflechtungen, als Verwaltungseinheiten, die sich gegen "das Fremde" abgrenzen und auf die Körper ihrer Bürger zugreifen. Besondere Bedeutung kommt in globaler Perspektive dabei Asien zu. Mit dem Ursprung in China und der «Wanderung nach Westen», gipfelnd in den zuletzt höchsten Infektions- und Opferzahlen in den Amerikas, wurden zahlreiche globalisierungskritische und apologetische Muster in allen beteiligten Ländern reaktiviert, die sich unter anderem in «Othering-Prozessen» niederschlugen: Corona, laut Donald Trump ein «chinesisches Virus»; die hohen Coronazahlen in den USA, laut den chinesischen Staatsmedien ein Beispiel für die zahlreichen Mängel einer westlicher Demokratie. Der Foucault'sche Begriff der Biopolitik erhält neue Aktualität und wird zugleich kritisch debattiert. PhilosophInnen kommentieren kontrovers Massnahmen gegen und die Auswirkungen von Seuchen, auch mit dem Rückgriff auf historische Ereignisse. Und die Religionswissenschaft wird mit dem Verhältnis von Körper und Religiosität konfrontiert in den Unterschieden zwischen charismatischen Kirchen und einer kultisch essentiellen Körperlichkeit, und andererseits der etablierten christlichen Religionen, die eine Suspendierung ihrer Kulte weitgehend widerstandslos hinzunehmen scheinen.

Die erste Sitzung des Lektüreseminars soll einen gemeinsamen Einstieg in die verschiedenen Facetten der Thematik erlauben. Auf dieser Grundlage werden wir Fragestellungen festlegen, die wir gemeinsam in den drei weiteren Sitzungen des Semesters vertiefen wollen. Als Grundlage für diese Einstiegsdiskussion stellen wir auf der ILIAS- Plattform verschiedene Presseartikel zur Verfügung; wir laden die TeilnehmerInnen ein, eine Auswahl davon zu lesen. Gerne können auch weitere Texte in die Diskussion eingebracht werden.

Eine (beliebige) Auswahl von Pressebeiträgen:

1) Agamben:

Giorgio Agamben, "Nach Corona: Wir sind nurmehr das nackte Leben", in: Neue Zürcher Zeitung; 18.03.2020.

Giorgio Agamben, "Giorgio Agamben zum Umgang der liberalen Demokratien mit dem Coronavirus: Ich hätte da eine Frage", in: Neue Zürcher Zeitung; 15.04.2020.

Giorgio Agamben, "Nächste Notizen zur Corona-Gegenwart: Das Denken muss sich befreien und die Feier des Kultes muss ein Ende haben", in: Neue Zürcher Zeitung; 14.05.2020.

2) kritische Antworten zu Agamben

Georg Kohler, "Coronavirus und das nackte Leben – warum Giorgio Agamben falschliegt", in: Neue Zürcher Zeitung; 22.03.2020.

Daniel Bogner, "Sind wir Menschen oder Barbaren? In der Corona-Krise ringt Europa auch um sein christliches Erbe. Eine Replik auf den jüngsten Text des italienischen Philosophen Giorgio Agamben", in: Neue Zürcher Zeitung; 29.04.2020.

Michael Coors, "Wir begraben unsere Toten nicht mehr – und schlittern wegen Corona in die Barbarei? Weit gefehlt!", in: Neue Zürcher Zeitung; 07.05.2020.

3) Epidemien und Geschichte

Anne Chemin, "Coronavirus : ce que les grandes épidémies disent de notre manière d’habiter le monde", in: Le Monde; 23.05.2020, 28-29.

4) Pandemie und Philosophie

Slavoj Žižek, "Wir Verdrängungskünstler: Wie das Coronavirus uns verändert", in: Neue Zürcher Zeitung; 04.03.2020.

Slavoj Žižek, "Der Mensch wird nicht mehr derselbe gewesen sein: Das ist die Lektion, di das Coronavirus für uns bereithält", in: Neue Zürcher Zeitung; 13.03.2020.

Nicolas Truong, "Philippe Descola : 'Nous sommes devenu des virus pour la planète'", in: Le Monde; 21-22.05.2020, 27.

Nicolas Truong, "La pandémie de Covid-19, une extraordinaire matière à penser qui bouleverse la philosophie politique", in: Le Monde; 06.06.2020, 27-28.

5) Pandemie im Film

Ai Weiwei, “Coronation”. Dokumentarfilm über die kritische Phase und den Lockdown in Wuhan (August 2020, 113 min)

Anmeldung:                       

Bis spätestens 13. Oktober an: virginia.holzer@cgs.unibe.ch und über KSL:
https://www.ksl.unibe.ch/ (Login mit UniBe-Account, Suche mit Titel)